Ein echter Brief

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Kategorie: Andacht

Ein Wort aus Stadthagen...

Wer schreibt heute noch Briefe von Hand? Manchmal erhalten wir handgeschriebene Karten aus dem Urlaub, aber meist sind es E-Mails oder Kurzmitteilungen über Whats-App. Im Alten Testament in 2. Könige 19,14 wird Folgendes berichtet: „Als Hiskia den Brief gelesen hatte, ging er hinauf zum Hause des Herrn und breitete ihn aus vor dem Herrn“.
Wir können uns das sehr bildhaft vorstellen: Hiskia kniet, beugt sich vor, rollt den Brief aus und studiert ihn in Ruhe vor seinem Gott. Dieses Bild strahlt eine hohe Konzentration aus.

Mir geht es genauso, wenn ich einen Brief von einem mir lieben Menschen in den Händen halte. Dann bin ich ganz aufgeregt. Suche mir eine ruhige Ecke. Einen Ort, wo mich niemand stört. Öffne schnell den Briefumschlag und beginne zu lesen. Es ist, als ob der Briefeschreiber oder die Briefeschreiberin neben mir sitzt. Ich fange an den Buchstaben zu lauschen. Und der geschriebene Brief wird lebendig. Mein Freund teilt mir seine Sicht auf die Welt mit. Meine liebe Frau lässt mich tief in ihr Herz blicken. Oft Heiteres, lese ich aus den Zeilen, manchmal aber auch Nachdenkliches. Manches macht mich Traurig oder lässt mich ratlos zurück.
Hiskia möchte den Brief verstehen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Er breitet ihn vor Gott aus und nimmt den Inhalt des Briefs mit ins Gebet. - Nehmen wir uns doch vor, dies einmal selbst zu tun. Gar nicht so wenige Kirchen sind täglich geöffnet und stehen zum Gebet zur Verfügung. So gerne wir im stillen Kämmerlein unsere Dinge vor Gott ausbreiten, es ist schon sehr bewegend, wenn wir einen schönen oder einen schlimmen Brief in die Kirche mitnehmen, uns hinsetzen, den Brief entfalten und vor Gott ausbreiten. Wir erhoffen uns davon diese hohe Konzentration, die wir bei Hiskia beobachten. Ob wir das auch mit einer E-Mail machen würden? Werden künftige Generationen ihr Mobiltelefon anschalten, eine Nachricht lesen und diese vor Gott ausbreiten?
Es wäre schön, auch wenn uns der Gedanke vielleicht noch ein wenig befremdet. Denn, wer schreibt heute noch Briefe von Hand?

Jörg Böversen, Pastor in Stadthagen