Erschütterung

Meldung vom
Kategorie: Andacht

Ein Wort aus Engern...

 
Koller

Ein Ausflug mit Konfirmanden nach Bergen-Belsen. Wir hatten uns vorbereitet – unter anderem mit einem Film über die Befreiung des damaligen KZs durch die britische Armee vor 70 Jahren. Schreckliches muss man ansehen – ja, muss man es? Man kann sagen: „Das schaue ich mir nicht an. Was habe ich als jüngerer Mensch damit zu tun? Man sollte jetzt Ruhe geben mit dem Ganzen!“ 

Wir Pastoren dagegen finden es wichtig, den Versuch zu machen, Mitgefühl und Nachdenken bei den Jugendlichen in Bewegung zu bringen (52000 KZ-Häftlinge kamen in Bergen-Belsen um). Das 2007 eröffnete neue Dokumentationszentrum ist in bewusst nüchterner Bauweise gebaut worden. Die Konfirmanden nahmen das Befremdliche der Beton-Bauweise wahr und fragten danach. Es soll nicht schön sein, sondern an das Gefangensein der Lagerinsassen erinnern. Im Haus lassen sich Biografien der Opfer verfolgen. Sie werden auf Monitoren vorgestellt oder beschreiben in Interviews ihr eigenes Erleben. Aufgefundene Gegenstände lassen ahnen, was sie den elendig Dahinsiechenden bedeuteten. Wir haben uns dafür Zeit genommen und für einen Rundgang über das Gelände. Die Hügelgräber der namenlos Bestatteten berühren. Mit einem Abschlussgespräch und dem Beten des Vaterunsers im Haus der Stille schlossen wir den Besuch ab.

Fragen kommen später. Auch die Eindrücke, an die sich die Konfirmanden erinnern werden, wenn sie erwachsen sind. Es wäre schade, wenn ehemalige KZs nur von den Nachfahren der Opfer besucht würden. Es entsteht die Frage an alle, die seit 70 Jahren in einer befreiten und demokratischen Gesellschaft leben und das weiterhin tun wollen: Was tun wir für unser geschichtliches Bewusstsein? Dokumentierte Geschichte kann dazu Vieles beitragen, aber auch an die Quellen erinnern, von denen wir leben können. Eine davon ist ein Psalmwort: „Gott, der du die Erde erschüttert und zerrissen hast, heile ihre Risse; denn sie wankt.“ (Psalm 60, 4).

Reinhard Koller, Pastor in Steinbergen/Engern