Frei für alle!

Meldung vom
Kategorie: Andacht

Ein Wort aus Seggebruch...


Nun ist es amtlich: Am Reformationstag 2018 hat Niedersachsen frei. Natürlich nicht nur Protestanten, sondern alle. Wo aber liegt der Sinn des Reformationstages für diejenigen, die bei „Mein feste Burg ist unser Gott“ keine feuchten Augen kriegen?

Martin Luther hat durch seine Bibelübersetzung die deutsche Sprache maßgeblich geprägt. Aber nicht nur das: Er war zutiefst überzeugt von der Kraft der Sprache. Das Herz des Menschen lässt sich nicht mit Gewalt bezwingen, aber bewegen durch die Macht des Wortes. Diese Macht stellte die Zeit der Reformation eindrucksvoll unter Beweis. Durch die Erfindung des Buchdrucks und die Verteilung von Flugblättern in deutscher Sprache bildete sich zum ersten Mal so etwas wie eine Öffentlichkeit. Jeder, ob Bauer oder Fürst, ob Mann oder Frau, redete mit. Die Reformationszeit ist die Geburtsstunde des gesellschaftlichen Dialogs.
Dieser geriet allerdings ziemlich schnell außer Rand und Band. Häme, Verunglimpfungen und wüste Beschimpfungen waren die Folge. Entgegen dieser Verrohung der Sprache haben wir das 500-jährige Reformationsjubiläum 2017 als ökumenisches Christusfest gefeiert und Luthers antisemitische Entgleisungen kritisiert und abgelehnt.

Eigentlich müssten wir heute weiter sein. Doch momentan beobachten wir wieder eine Verrohung der Sprache. Da werden mit fake news ungeniert Unwahrheiten verbreitet, Asylsuchende als „Asyltouristen“ erniedrigt. Wir müssen wieder neu bedenken: Wie sprechen wir in unserer Gesellschaft miteinander? Was richten wir an, wenn jeder sich die Freiheit nimmt, das zu sagen, was ihm gerade in den Kopf kommt? Denn eines hat sich seit der Reformation nicht geändert: Worte sind niemals nur Schall und Rauch. Sie bewegen die Herzen der Menschen. Sie prägen uns und unsere Gesellschaft.
In diesem Sinne, einen frohen und freien Reformationstag 2018!

Christiane Meyer, Pastorin in Seggebruch