Maria

Meldung vom
Kategorie: Andacht

Ein Wort aus Pollhagen...

 
U. Herde

Sie trägt eine blaue Wolljacke. Die mag sie besonders gern. „Schon als kleines Mädchen habe ich so eine Jacke getragen“, erzählt sie. „In einem Krippenspiel zu Weihnachten.“ Maria ist 81 Jahre alt. Sie hat große, faltige Hände. „Das kommt von der vielen Arbeit“, sagt sie. Wenn sie erzählt, leuchten ihre Augen manchmal. Glanz von innen.

In Schlesien wurde sie geboren. Mit ihrer Mutter und den Geschwistern ist sie am Ende des Krieges geflohen. Der Vater war vermisst. Als Flüchtlinge wollte sie niemand haben. Ihre erste Unterkunft war in einem Stall. „Später haben wir ein eigenes Haus gebaut. Doch die Erinnerung an den Stall habe ich bis heute.“ Glanz von innen. Mit 17 Jahren wurde sie schwanger. Den Namen vom Vater des Kindes hat sie niemandem gesagt. Bis heute. Geheiratet hat sie damals nicht. Das Kind hat sie trotzdem bekommen. „Da stand ich nun“, sagt sie. „mit nichts in den Händen als meinem Kind. Und alle haben mich seltsam angeschaut. Ich habe gespürt, mein Kind ist etwas Besonderes.“ Wieder leuchtet ihr Gesicht.

Sie hat dann später doch noch geheiratet. Einen deutlich älteren Mann, auch ein Flüchtling. „Mein Mann hat immer gut für mich gesorgt“, sagt sie und lächelt. „Das war schon eine komische Geschichte, als wir uns gefunden haben. Ein bisschen wie Weihnachten.“ Ihr Sohn ist erst spät bei ihr ausgezogen. Er hat in einer großen Stadt Arbeit gefunden und sie manchmal besucht. Mit 33 Jahren ist er ums Leben gekommen, bei einem Unfall. Daran ist Maria fast zerbrochen. „Als er da im Sarg lag, habe ich seine Hand noch einmal angefasst und sein Gesicht gestreichelt.“ Dann laufen die Tränen. Sie trocknet sie mit dem Ärmel ihrer blauen Jacke.

„Als Kind habe ich die Weihnachtsgeschichte gemocht“, sagt sie. „Ich durfte ja selbst  einmal mitspie-len. Es ist eine bitterernste Geschichte. Das weiß ich jetzt.“ Ob sie heute noch einmal die Maria spielen würde? „Ja“, sagt sie. „Ich glaube schon.“

 Uwe Herde, Pastor in Pollhagen