Schwarz-Weiß-Malerei

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Kategorie: Andacht

Ein Wort aus Luhden...

 
Lutz Gräber

Warum setzt sich eigentlich das Denken und Reden in Extremen immer mehr durch? Das schlimmste Verbrechen, der schlimmste moralische Fehltritt, das peinlichste Versagen - die Jagd nach immer neuen Superlativen kennt kaum Grenzen. Warum? Weil wir uns von allem Negativen so herrlich positiv abheben.
Leider hat sich aus diesem Abgrenzungsverhalten auch ein Schwarz-Weiß-Denken entwickelt, das den Ereignissen in der Welt und in unserem Leben nicht gerecht wird. Gut und böse, richtig und falsch: Wer das Leben und die Welt in diesem "entweder-oder" deutet, weiß immer, wo er steht, und die manchmal so komplizierte Wirklichkeit wird plötzlich einfach. Parteien wie die AfD bieten als ihre "Alternative" gerade an, Probleme mit dem meist von ihnen selbst konstruierten vermeintlichen Negativen oder Bösen auf einen Schlag zu lösen, anstatt sie im Sinn aller Beteiligten einem weit reichenden Verfahren zu unterziehen. Wer dann auf der richtigen Seite steht, hat meistens von vorn herein Recht.
Wir kennen ähnliche Mechanismen aber auch aus unserem persönlichen Alltag. Beispiele gefällig?

Entweder du siehst jugendlich aus oder uralt, entweder du hast einen athletischen Körperbau oder bist schlaff wie ein Pudding, entweder du bist ein Sieger oder ein Versager. Das Schwarz-Weiß-Denken zwingt uns, entweder immer auf der Seite der Sieger stehen zu wollen oder uns anzupassen, um nur nicht als fehlerhafte Versager aufzufallen.

Wollen wir uns dazu zwingen lassen? Wir alle wissen doch, dass das Leben nicht so einfach ist. Jede und jeder Einzelne von uns macht auch Fehler, ist nicht perfekt, enttäuscht die Erwartungen anderer und wird auch selbst bisweilen enttäuscht. Das ist ganz normal, ja es muss geradezu Teil unseres Lebens sein, um uns zu unserer persönlichen Bestimmung wachsen und reifen zu lassen. Problematisch wird es vor allem dort, wo wir unser eigentlich normales Fehl-Verhalten auf Personen übertragen und sie damit stigmatisieren: "Ich habe etwas Idiotisches gemacht, also bin ich ein Idiot!" Leider zielt das Schwarz-Weiß-Denken unserer Zeit oft genau auf diese Form der Stigmatisierung von Personen.

Wer hilft uns auf einem Weg, uns davon zu befreien, die Politik, die Psychologie, die Religion? Auch das Christentum ist ja leider nicht immer frei von der Gefahr der Schwarz-Weiß-Malerei. Jesus sagt von sich: "Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, tappt nicht mehr im Dunkeln. Er wird das Licht des Lebens haben." Dieses und ähnliche Worte sind nicht selten im Sinn der "Schwarz-Weiß-Malerei" gedeutet worden. Wir müssen dazu nicht erst an die Legitimation des Irakkriegs durch George W. Bush als "Kreuzzug gegen das Böse" denken.

Das Wort vom Licht des Lebens bedeutet für mich aber gerade ein Angebot, die "Schwarz-Weiß-Malerei" zu durchbrechen. Klar zu sehen, um dann das Notwendige zu tun, beschreibt für mich die richtige Reihenfolge des Handelns. Dazu bietet der christliche Glaube eine Perspektive an.
Warum? Weil Gott im Gegensatz zu unserer "Schwarz-Weiß-Malerei"  mich selbst als Person meint und mich nicht fallen lässt - auch wenn ich nicht immer perfekt funktioniere, bisweilen versage oder nicht gerade glänzend dastehe.

Lutz Gräber, Schulpastor in Bückeburg