Sommerglück

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Kategorie: Andacht

Ein Wort aus Bückeburg ...

 
Wieland Kastning

Wieland Kastning

Was für ein Start in die Ferien! Sonne, Wärme, ein leichter Wind unter blauem Himmel, volles Grün, Ernteduft über den Feldern. Und ich habe Urlaub. Es ist eine Lust zu leben. Ich denke: gut dass wir in diesem Jahr nicht gleich in die Ferne aufgebrochen sind. Kein Reisestress, kein Leben aus dem Koffer, keine neuen Erlebniswelten. Ich kann einfach da sein. Der Terminkalender ist leer. Nichts drängt (bis auf den Abgabetermin für diesen Text). Mit dem Rad fahre ich in der Morgenfrische durch die Bückeburger Aue und den Schaumburger Wald. Der Hundespaziergang dauert länger als gewöhnlich. Ich sitze im Schatten des Baumes in unserem Garten und lese. Die Seele kann baumeln. Ich habe Zeit.
Ist es mit dem Sommerglück nun schon wieder vorbei? Die Wetteraussichten für die nächsten Tage sind trübe. Wehmut und Abschiedsgedanken mengen sich in das Hochgefühl, das ich bei der Fahrt durchs warme Licht der Abendsonne empfinde. Das Glück dieser Tage aber will ich mir nicht nehmen lassen.

Jetzt finde ich auch Muße, die Umzugskartons mit den Sachen aus meinem Elternhaus durchzusehen. Es steht  nun leer und soll verkauft werden. Vieles fällt mir in die Hand, was Erinnerungen an Kindheit und Jugend weckt. Entscheidungen sind zu treffen: was bleibt, was wird weggegeben?

Manche stellen solche Kisten lieber unausgepackt auf den Dachboden oder lassen sie gleich komplett abtransportieren, ohne hinein zu sehen. Die Dinge erinnern an die Menschen, die mit ihnen gelebt haben. Wer es schwer hat, Trauer zuzulassen, rührt die Sachen deshalb lieber nicht an. Einige haben auch das Gefühl, mit dem Hergeben der Dinge den Verstorbenen selbst zu verlieren. Aber es ist nicht gut, sich in einem Museum einzurichten. Das eigene Leben will und darf sich weiter entfalten und braucht dazu Raum. Im Laufe der Zeit merkt man es auch: es sind eigentlich nur ganz wenige Stücke, die die Verbindung mit einem lieben Verstorbenen lebendig halten.

Seine langsam gewachsene Bibliothek war meinem Vater sehr wichtig, und sie war – neben vielem anderen – auch sehr bedeutsam für eine innige Beziehung zwischen dem Vater und seinem kleinen Sohn. Ich saß auf seinem Schoß, er hielt ein Buch in seiner Hand, las mir vor aus alten Sagen und Märchen und zeigte mir die Kunstwerke vergangener Zeiten. Dennoch werde ich die meisten seiner Bücher ins Antiquariat geben. Es sind auch nur wenige Bände, die wirklich intensive Erinnerungen an eine schöne Kindheit mit meinem Vater wachrufen. Diese werde ich – neben etlichen anderen interessanten Werkausgaben - auf jeden Fall behalten.

Die ruhigen Urlaubstage daheim schenken mir Zeit für mich selbst. Beim Graben in den Schätzen des Elternhauses hat die Erinnerung an schöne und prägende Zeiten Raum gefunden. Nichts und niemand kann mir diese Erinnerungen nehmen. Auch nicht die Wehmut des Abschieds, die sich beim Anschauen und Sortieren der Dinge meldete.

Den Sonnenschein und das Glück dieser Woche will ich auf jeden Fall mitnehmen in die Zeiten, wenn die Tage wieder trüber werden. Und falls ich unter einem grauen Himmel doch missmutig werden sollte, werde ich mich mit Psalm 103 gern an meinen Vorsatz erinnern lassen: „Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Der „Sommer seiner Gnade“ (Paul Gerhardt) wird gewiss nicht enden. Auch wird die Sonne wieder scheinen und uns das Glück im Hier und Jetzt genießen lassen.

Wieland Kastning, Bückeburg