Wirlinge nicht Ichlinge

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Kategorie: Andacht

Ein Wort aus Luhden...

 

Felix Nagel

 „Ich kann das alleine!“ Diesen Satz sagen meine Kinder oft und energisch. Sie wollen alleine oben auf das Klettergerüst. Sie wollen alleine das Wasser aus der großen Flasche einschenken. Sie wollen selbst entscheiden, was als nächstes gespielt wird und wie die Regeln sind. Kinder sind stolz, wenn sie neue Dinge können. Ihre Augen strahlen, wenn sie geschickter und selbstständiger werden.

Doch aus dieser beschwingenden Erfahrung wird im Lauf des Lebens oft die Haltung „Ich will und ich mache alles alleine!“ Warum auch nicht? Wo wären wir ohne die Ambitionen, ohne den Ehrgeiz und den Einsatz einzelner Personen? Wir alle profitieren von den unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten anderer. Und doch erlebe ich, dass Selbstsicherheit und Selbstüberschätzung nur einen Schritt voneinander entfernt sind. Keine Scheuklappe der Welt kann darüber hinweg blenden, dass die eigenen Kräfte und Möglichkeiten begrenzt sind. Jeder braucht die Hilfe von anderen. Daher erstaunt es mich, dass immer mehr Menschen egoistisch handeln. Frei nach dem Motto: „Was interessieren mich die anderen? Hauptsache ich habe meine Schäfchen im Trockenen.“ Brexit-Chaos, die politische Gleichgültigkeit vieler Menschen sowie der Rückzug ins Private sind nur Beispiele dafür.

Als Kirche halten wir die Überzeugung hoch, dass Menschen Wirlinge sind. Wir sind aufeinander angewiesen, brauchen den Rat von außen und können erst zusammen alles alleine. Wer nur an sich denkt und sich aus der Gemeinschaft zurückzieht, verpasst was. Denn nicht nur ein Kind ist dankbar, wenn die eigenen Schritte im Hintergrund liebevoll von anderen begleitet werden. Wir genießen es, wenn einer zuhört, einer mitsingt, einer besucht oder einer tut, was ich nicht kann.

Jesus hat mit seinem Leben gezeigt, dass der wahre Lebensschatz nicht der Egoismus ist, sondern der Altruismus, also das selbstlose Handeln für andere. Er hat seine Kräfte eingesetzt, um andere aufzurichten. Er hat Menschen zusammengeführt, mit ihnen gegessen und ihre Begabungen freigelegt. In den entscheidenden Momenten hat er nicht an sich gedacht, sondern sein Leben gegeben für andere. Diese Haltung prägt die christliche Gemeinschaft und unsere Gesellschaft bis heute. Gott sei Dank!

Felix Nagel, Pastor coll. in Bad Eilsen/Luhden