Wohnen mit Gott

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Kategorie: Andacht

Ein Wort aus Pollhagen...

Gertrud ist 86 Jahre alt. Sie liest jeden Morgen ein biblisches Wort in ihrem Kalender. Manche Kalenderblätter hebt sie auf. Heute steht in ihrem Kalender „So seid ihr nun nicht mehr Gäste oder Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ Als sie das liest, überlegt sie einen Moment. Eine Fremde sein in einem anderen Land? Das möchte niemand gern. Gertrud weiß, wie sich das anfühlt. Als sie mit ihrer Familie damals im Westen angekommen ist, wollte sie niemand aufnehmen. Flüchtlinge und Habenichtse wurden sie genannt. Sie selbst fühlten sich als Vertriebene. Warum sagt das heute eigentlich keiner mehr? Niemand verlässt gern die Heimat, das weiß sie.

Gäste hat sie immer gern gehabt. Ihr Wilhelm, mit dem sie fast sechzig Jahre zusammengelebt hat, mochte das weniger. Der war lieber für sich. Doch wenn alle an einem Tisch gesessen haben, war er zufrieden. Irgendwann haben nur noch sie beide dort gesessen. Und dann war Wilhelms Platz auch leer.

Nun lebt sie seit einigen Jahren allein in ihrer Wohnung. „Wie soll das gehen?“ hat sie am Anfang gedacht. Aber es ging. Und inzwischen fühlt es sich vertraut an. Wieder schaut sie auf das Kalenderblatt. „Mit Gott wohnen?“ Sie versucht, sich das vorzustellen. „Sitzt Gott dann mit am Tisch? Oder hilft er im Haushalt? Ist er eher ruhig, so wie ihr Wilhelm? Oder vielleicht ganz anders, so wie die Familie im Haus gegenüber?“ Dort ist vor einiger Zeit eine Familie aus Syrien eingezogen. Mit fünf Kindern. Zwei Jungen und drei Mädchen. Eines der Mädchen ist 13 Jahre alt.
So alt war sie damals auch, als sie mit ihrer Mutter und den beiden Schwestern hier ankam. „Hoffentlich haben sie es leichter als wir es gehabt haben.“ denkt sie. Ihre Gedanken kehren wieder zum Kalenderblatt zurück. „Aber wenn Gott dann wirklich bei mir am Tisch säße, hätte ich schon was zu erzählen. Ganz bestimmt.“ Während sie noch darüber nachdenkt und schmunzelt, klingelt es an der Tür.

Uwe Herde, Pastor in Pollhagen