Züge ins Leben

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Kategorie: Andacht
Erstellt von Lutz Gräber

Die Andacht von Pastor Lutz Gräber

 
Foto von Pastor Lutz Gräber

Lutz Gräber

Die kleine Skulpturengruppe am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin fällt kaum auf. 5 jüdische Kinder stehen verängstigt und wie verloren an einem imaginären Bahnsteig. Die meisten Menschen hasten achtlos an ihnen vorüber -dem eigenen Zug entgegen. "Züge in den Tod" hat der Künstler Frank Meisler sein Werk genannt. Die Kinder warten auf ihren Abtransport in das nationalsozialistische Massenver- nichtungslager Auschwitz. Sie fahren ihrem Tod entgegen, obwohl ihr Leben doch eigentlich erst beginnen soll. Eine Tafel klärt darüber auf, was eigentlich jeder wissen sollte: Auschwitz, das heutige Oswiecim in Polen, ist zum Inbegriff der grausamen, fabrikmäßigen und gegen jedes Völkerrecht durchgeführten Vernichtung der jüdischen Bevölkerung durch das Hitler-Regime geworden.

In der vergangenen Woche hat das forsa-Institut bei einer Umfrage unter Jugendlichen festgestellt: Jeder 5. deutsche Jugendliche kann mit dem Begriff "Auschwitz" nichts mehr verbinden. Das ist keine bewusste Verdrängung der deutschen Vergangenheit und zunächst auch keine Bestätigung rechtsradikaler Tendenzen. Es ist offensichtlich schlichte Unkenntnis. Mich hat die Nachricht trotzdem nachdenklich gemacht. Ich meine: Die dunklen Seiten des Unrechtes in unserem Land bleiben Teil unserer Verantwortung und Verpflichtung. Sie sind viel mehr als bloßes Geschichtswissen. Wie sollen wir heute eine von allen ja so dringend geforderte, glaubwürdige Wertediskussion führen, wenn wir das in unserem Land geschehene Unrecht nicht benennen und aufarbeiten können?

Für die Bibel ist unser Einsatz für andere geradezu ein positives Markenzeichen unserer eigenen Persönlichkeit: "Wenn du dem Elenden hilfst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen", schreibt der Prophet Jesaja. Auch unser Leben kann ein Lichtpunkt sein in der Finsternis von Vernachlässigung und Diskriminierung. Das heißt aber auch: Auschwitz darf sich nicht wiederholen. Und deshalb darf es nicht vergessen werden. Dazu sollten wir alle unseren Beitrag leisten: Im Einsatz gegen ausgrenzende Tendenzen und Parolen, im Einsatz für das Leben. Dafür setzen sich in unterschiedlicher Weise auch Menschen in Schaumburg ein durch ihr klares Votum. So ist zum Beispiel das Gymnasium Adolfinum in Bückeburg auf dem Weg zur Schule gegen Rassismus und für Courage.

Gegenüber der Skulpturengruppe an der Berliner Friedrichstraße sind zwei weitere Kinder dargestellt, die mit leuchtenden Gesichtern und einem Koffer in der Hand auf einen anderen Bahnsteig laufen. "Züge ins Leben" hat Frank Meisler diese Skulptur genannt, weil Menschen durch Einsatz ihres Lebens einigen jüdischen Kindern den Weg in das Leben nach England ermöglicht haben. Ich wünsche mir, dass unsere Kinder und Jugendlichen immer Erwachsene haben, die sie in den Zug ins wirkliche Leben setzen.


Lutz Gräber ist Schulpastor in am Gymnasium Adolfinum in Bückeburg