Den Blick für die Schönheit des Lebens bewahren!

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Afrikanische Weihnacht /Foto© Karin Droste

"Afrikanische Weihnacht“ (Holzschnitzer Elias Alois Mtemela, Mosambik)

Von den ersten Besuchern an der Krippe in Bethlehem wird erzählt, dass sie ein großes Licht gesehen hatten, dem sie dann folgten. Und man sagt, dass sie Engelschöre hörten. So sind sie leichtfüßig und zielsicher zum Stall in Bethlehem gelaufen. Wenn es auch ziemlich erbärmlich war, was sie dort fanden – ein obdachloses Ehepaar mit einem neugeborenen Säugling – so hatten sie doch noch das Licht vor Augen und die blendende Erscheinung der Engel und deren Ruf „Fürchtet euch nicht“. Und sie konnten vergleichsweise leicht glauben. Die Weisen, die später zur Krippe kamen, hatten einen Stern, der sie geführt hat. Sie hatten leicht gehen, sie hatten einen sichtbaren Stern, dem sie folgten. Die heutigen Besucher an der Krippe, die zum Heiligabend die Kirchen aufsuchen oder Krippen im Wohnzimmer aufbauen für sich und ihre Kinder, haben es ganz offensichtlich schwerer mit dem Glauben. Was ist, wenn kein besonderer Stern unsere Schritte lenkt und keine Erscheinung von Engeln uns den Weg weist?

Wir  heutigen Betrachter von Bildern der Weihnachtsgeschichte haben vielleicht glückliche Kindertage vor Augen – oder erste schöne Begegnungen mit der Weihnachtsgeschichte. Oder uns bewegt das Erstaunen darüber, dass das Weihnachtsfest mit vielen Lichtern auf den Gassen und Straßen und in den Fenstern auch in unseren Tagen irgendwie von allen begangen wird. Allerorten Adventsfeiern und Weihnachtszauber sowie bekannte Melodien wie „Stille Nacht“ und „Oh, du fröhliche gnadenbringende Weihnachtszeit“ aus den Lausprechern der Kaufhäuser. Kein Fest auf der Welt wird von so vielen Menschen, Gläubigen wie Nichtgläubigen, Christen und Nichtchristen gefeiert wie das Weihnachtsfest. Heutige „Besucher an der Krippe zu Bethlehem“ in unseren Breiten kommen auf gut Glauben oder mit neugieriger Skepsis. Sie haben eine alte Erzählung im Ohr. Einige haben vielleicht schon einen Stern gesehen, dem sie folgen – mit einer festen Zielrichtung für ihren Lebensweg. Alle, die sich, wenn auch auf Halbdistanz, der Geburt des Kindes in Bethlehem nähern - entdecken dort sehr verletzliches und beschädigtes Leben und keine heile Welt.

Der Künstler Elias aus Mosambik  hat seine Sicht auf die Geburt Jesu in Gestalt gebracht, als er in diesem Frühjahr in Bückeburg zu Gast war und mit Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Adolfinum dieses Kunstwerk aus Holz gefertigt hat, von dem Sie auf dieser Seite eine Darstellung bewundern können. „Afrikanische Weihnacht“ (s. Foto) hat er es genannt. Wir sehen dort nicht unbedingt schöne und glückliche, sondern vom Leben gezeichnete Menschen, die das Neugeborene betrachten. Sie setzen irgendwie auf die Wahrheit und auf das Versprechen dieser Erzählung. Welch Würde, die Welt einfach nicht mehr zu nehmen, wie sie ist! Schon das Recht der Armen zu erahnen, obwohl sie noch wenig von ihm sehen. Welche Würde, schon vom Frieden zu sprechen und davon, dass den Kriegstreibern das Handwerk gelegt wird, obwohl diese Kriegstreiber in unseren Tagen ihr Handwerk immer noch betreiben. Welch Würde, sich von jener Erzählung leiten zu lassen und in jedem neugeborenen Kind mehr zu sehen und sehen zu wollen als die Tatsache seiner Armut und seiner Hilflosigkeit.

Diese Erzählung ist wie ein altes Formular, in das wir unsere Geburts- und Sterbedaten eintragen können. Unsere Glücksdaten und die Daten unserer Niederlagen und unserer Schuld. Diese Geschichte gehört wie ein unzerstörbares Gut zu unserer Lebensgeschichte und zu unserer Kultur. Vielleicht kann sie nicht jeder glauben. Aber jeder kann diese aufrührerische Erzählung schön finden. Und etwas schön finden ist besser, als es nur zu den Akten zu legen oder als einen schönen Schein abzutun. Diese Erzählung von der Geburt des Gotteskindes, unterwegs, auf der Flucht geboren, hat eine schlichte Schönheit, der man sich nur schwer entziehen kann. Ein Gott, der bedürftig wird wie wir; der das Glück der Freundschaft und der Liebe kennt wie wir; der früh auf der Flucht ist wie viele in diesen Tagen und den das Leben aufs Kreuz legt wie andere auch.

Die pure Macht, Stärke und Größe hat noch niemanden gerettet. Aber die nicht weichende Schönheit und Unverwüstlichkeit des von Gott gewollten Lebens ist der große Trost, der aus dieser Erzählung spricht. Dabei ist diese Erzählung nicht naiv. Sie übergeht nicht die Abgründigkeit und Zerrissenheit von uns Menschen. Und sie ist nicht alles, was von Gott zu sagen ist. Wir erhoffen von ihm auch seine Stärke. Wir lassen ihn nicht davon kommen und verlangen von ihm das Recht der Armen, den Trost der Unglücklichen und dass endlich die Stadt erscheint, in der niemand mehr Beute des anderen wird. Und doch ist das Herz Gottes nicht seine Macht, sondern sein Durst nach Leben, aus unseren eigenen Schicksalen nicht zu weichen. Endlich ein Gott, dessen Größe uns nicht erschlägt und verurteilt!

Wenn man auf das Bild des afrikanischen Künstlers Elias  schaut, hat man die tiefen Widersprüche und Abgründe, in die in den Krisengebieten unserer Tage viel zu viele Menschen täglich geraten, vor Augen. Die ungezählten Opfer der Kriege unserer Tage kommen einem in den Sinn.  Wer es wagt und sich zutraut, sich mit Herz und Verstand der Weihnachtsbotschaft zu nähern, bekommt eine Ahnung davon: das begrenzte und gefährdete Leben braucht eine himmlische Verheissung kommenden Friedens und zugleich unbedingtes menschliches Engagement! Beides wird in der Weihnachtsgeschichte ausgesprochen und entfaltet. „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ – so lautet der Gesang der Engel über der Geburt des Gottessohnes! Ein noch nicht eingelöster Anspruch.
Wer sich das Empfinden für die unverlierbare Schönheit des wie auch immer gefährdeten und zerbrechlichen Lebens  bewahrt, wird den Herausforderungen des Lebens auch gewachsen sein können. Deswegen lohnt es sich, den Blick auf den in Bethlehem geborenen Jesus aus Nazareth auch in diesem Jahr zu wagen!

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich in diesem Sinne froh machende Weihnachtstage!    
 
Dr. Karl-Hinrich Manzke,
Landesbischof der Ev.-Luth. Landeskirche Schaumburg-Lippe