Seinem Stern folgen!

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Von Zeit zu Zeit sollte die Zeit anders sein...

Von Zeit zu Zeit sollte die Zeit anders sein. Von Zeit zu Zeit ist ein Fest an der Zeit, das den alltäglichen Lauf unterbricht. Feste wie das Weihnachtsfest haben  ihren eigenen Anlass -gewiss. Festzeiten wirken jedoch auch über sich hinaus. Sie unterbrechen den gewöhnlichen Lauf der Zeit. Wo saure Wochen  die Regel sind, wünscht man sich frohe Feste, die zwar nicht das Leben, wohl aber unsere Einstellung zum Leben selbst spürbar bereichern. Unser Leben  jedenfalls lebt auch von solchen heilsamen Unterbrechungen,  die dabei helfen, unseren Blick auf das Leben positiv zu verändern.

Weihnachten ist für mich das entscheidende Fest  im Jahreslauf , das zur Freude am Leben lockt.  Ich bin fasziniert, wie sehr die Musik, die Lichter, der besondere Glanz dieses Festes Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen - religiös geprägte wie der Religion entfremdete Menschen-  anspricht und regelrecht anzieht.
 Die Anziehungskraft der Geburtsszene  zu Bethlehem wird in der Weihnachtserzählung durch den Stern dargestellt. Er wandert vor den suchenden Menschen her und führt sie zum Ziel. Darin steckt eine große symbolische Kraft. Einem Stern folgen! Gibt es ein besseres Bild, ein treffenderes  Gleichnis für die tiefste menschliche Sehnsucht? Nämlich Gewissheit zu finden, auf der Erde Heimat zu gewinnen und ein Ziel für sein Leben zu haben.

„Auf einen Stern zugehen, nur dieses“ – so hat der wohl nachdenklichste Dichter des 20. Jahrhunderts seinen Wunsch für den menschlichen Lebenslauf  beschrieben. Wäre das schön, wenn jedes Menschenkind das Glück finden könnte, auf seinen persönlichen Stern zugehen zu können!  Wohlgemerkt: nicht nur irgendeinem Stern, sondern seinem eigenen Stern folgen – wer wollte das nicht? Wer seinem Stern folgt, so sagt man, der findet seinen Weg. Der geht  den unverwechselbar eigenen Lebensweg, an dessen Ende dann das menschliche Ich und  ein großes Einverständnis mit dem Leben und mit Gott zu finden sind.
Auf dem Bild von Carl Spitzweg, das Sie auf dieser Zeitungsseite abgebildet finden, sieht man die Menschen unterwegs, dem leuchtenden Stern folgend. Sie sind unterwegs und wissen gar nicht genau, wohin sie ihr Weg führen wird.  Aber es sind Menschen, die bereit sind, ihren Blick nach oben zu richten.  Sie vertrauen nicht nur  eigenen Sicherheiten.  Letzte Sicherheiten haben wir Menschen nicht.  Auf Spitzwegs Bild sind die Menschen unter dem gestirnten Himmel unterwegs – zum Ziel ihres Lebens. Und sie sind dafür bereit, falsche Sicherheiten aufzugeben.  Sie sind  überzeugt,  etwas Neues zu finden, das größer ist als vermeintliche Sicherheiten.
Wohin sind sie unterwegs? Was können sie in Bethlehem finden? Wir Christenmenschen glauben und sagen: Da sei Gott Mensch geworden. Gott hat sein Gesicht aufgedeckt in jenem Jesus von Nazareth.
In den großen Rettungserzählungen der Völker, die wir als Kinder erstmals  gehört haben, sind die Retter durchweg stark. Sie kommen auf Rossen, sie sind unverwundbar. Sie haben in Drachenblut gebadet. Sie zerschlagen ihre Feinde. Sie legt keiner aufs Kreuz.

Weihnachten ist anders!  Die Weihnachtsgeschichte  ist wie eine Parodie auf  solche Rettungsgeschichten.
Was sollte in der Erzählung von der Geburt des Gotteskindes im Stall zu Bethlehem Rettendes liegen?    Das Herz Gottes  ist nicht seine Macht. Sondern das Herz Gottes ist sein Durst, anwesend zu sein und aus unseren bisweilen dürftigen, in jedem Fall sehr labilen Schicksalen nicht zu weichen. Endlich ein Gott, dessen Größe uns nicht erschlägt!  Ein Gott, der bedürftig wird wie wir –und darin seine Macht nicht abgibt.  Der früh auf der Flucht ist wie viele  und den das Leben aufs Kreuz legt, wie andere auch.
Was beleuchtet der Stern über dieser Erzählung? Die pure Macht, Stärke und Größe hat noch niemanden gerettet. In Zeiten, in denen viel über die  Würde des Lebens auch gestritten wird, worin sie denn nun besteht, hat diese Erzählung große Kraft. Manche behaupten, die Würde des Menschen und überhaupt Würde liege darin, komplett  selbstbestimmt zu sein und sich selbst und alles unter Kontrolle zu haben –bis zum Schluß.
Welch anderes Bild von Würde prägt doch die Weihnachtsgeschichte!  Die nicht weichende Liebe zum Leben und Leidenschaft für den Menschen ist der große Trost. Man kann nicht größer von der Hingabe zum Leben und der leidenschaftlichen Liebe zum Leben sprechen als in jener Erzählung von der Geburt des göttlichen Kindes in Bethlehem. Sie hat unsere Kultur geprägt –und sie gehört zu unserer Kultur wie die Achtung der Menschenrechte und die Hochschätzung der persönlichen Freiheit!

Und wenn wir über Würde des Lebens nachdenken, kommen wir an diesem wunderbaren und tröstlichen Bild nicht vorbei. Gott sei Dank für dieses Fest, das den Lauf der Zeiten unterbricht.  Wer wollte auf dieses Fest verzichten!

Dr. Karl-Hinrich Manzke, Landesbischof