Wir wünschen ein gesegnetes und friedvolles neues Jahr!

Meldung vom

2019

Gedanken zur Jahreslosung 2019

Auf der Jagd
Am Horizont macht sich langsam Tageslicht breit. Friedlich schimmert der morgendliche Tau auf den Wiesen. Allein auf weiter Flur steht ein Baum. Und im Baum, kaum zu sehen, ein Hochsitz. Der Jäger nimmt das Reh ins Visier. Er beobachtet es eine Weile, unbemerkt. Dann greift er zum Gewehr, zielt, drückt ab. Ein Schuss durchbricht das morgendliche Idyll, Blut färbt die Wiese. Wenig später hängt Bambi enthauptet und ohne Innereien in der Wildkammer.

„Suche den Frieden und jage ihm nach.“ Dem Frieden nachjagen. Kein besonders friedfertiges Votum, die Jahreslosung 2019. Zum ersten Mal hatte ich sie gehört kurz nach den Vorfällen in Chemnitz. Rechte Demonstranten hatten ausländisch aussehende Menschen gezielt attackiert und verfolgt. Sofort war die Assoziation da: Eine Hetzjagd auf den Frieden.

Dem Frieden nachjagen. Flinte statt Taube. Passt das? Sicherlich nicht, wenn es meint, Frieden mit Gewalt erzwingen zu wollen. Und doch kann dieses Bild unseren Blick auf den Frieden und die, die ihn suchen, zurechtrücken. Friedensbewegung, das klingt nach Flower Power und Batiktüchern, nach weltfremden Gutmenschen. Doch Friede wird nicht und wurde nie gewonnen durch Naivität. Sondern durch Menschen, die ihm nachjagen.

Wenn du Frieden willst, musst du ihn anvisieren und immer im Blick haben. Wie Martin Luther King und seine Bürgerrechtsbewegung in den USA. Du musst mitunter warten, bis du ihn zu Gesicht bekommst, jahrelang. Wie die Friedensbewegung in der DDR, die schließlich zum Fall der Mauer führte. Du musst dranbleiben, gegen alle Enttäuschung. Wie die Menschen, die Kindern und Jugendlichen nicht nur lesen und schreiben beibringen, sondern auch ein gutes Miteinander. Zäh musst du sein. Wie die vielen Ehrenamtlichen, die in unseren Kirchengemeinden Flüchtlinge zum Amt begleiten und sich durch Stapel an Formularen wälzen. Und im richtigen Moment den Frieden bei den Hörnern packen. Wie das Paar, dass sich nach einem riesigen Streit wieder gemeinsam an einen Tisch setzt. Wenn du dich für Frieden einsetzt, bist du so einiges, aber nicht harmlos. Und schon gar kein „Gutmensch“, sollte das Wort gut überhaupt als Beschimpfung taugen.

Deswegen kommt für mich diese Jahreslosung tatsächlich wie gerufen. So lange wie noch nie leben wir in Europa im Frieden. Und doch bröckelt der Wille zur gemeinsamen Sache an allen Ecken und Enden. Nationalismus ist wieder in, Brexit, Populismus, Hauptsache, „me first“! Doch in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges war genau das Gegenteil die Grundidee der Europäischen Union: Frieden. Zusammenhalt. Gemeinschaft. Es wird nicht ausreichen, diesen Frieden zu erhalten, indem man ihn ab und an mal aus der Ferne grüßt wie einen alten Kumpel, mit dem man schon irgendwie in Kontakt bleiben wird. Wir müssen ihm nachjagen. Sonst haben wir die Flinte schon ins Korn geworfen.

Als in Köthen ein Deutscher in einer Auseinandersetzung mit afghanischen Flüchtlingen an einer Herzattacke starb, befürchteten die Menschen dort eine Wiederholung der Hetzjagden aus Chemnitz. Die internationale Universität und die evangelische Landeskirche Anhalts starteten eine Gegenmaßnahme: Die angekündigte Route für den Demonstrationszug wurde bunt bemalt. Das Bild mit der Kerze und dem Spruch „Frieden für Köthen“ vor dem Dom der Stadt ging quer durch alle Medien. Und zeigt: Wir bleiben dran. Wir verlieren nicht den Mut. Ihr trampelt auf unserem Frieden herum, aber er wird überdauern. Denn wir suchen nicht nur Frieden. Wir jagen ihm nach.

Christiane Meyer, Pastorin in Seggebruch