Publizist und Staatsminister a.D. Michael Roth fordert mehr Menschlichkeit in der Politik

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Interview mit dem epd im Vorfeld des 15. Jahresempfangs

Der 15. Jahresempfang unserer Landeskirche war eine rundum gelungene Veranstaltung mit vielen emotionalen Momenten und Begegnungen. Geehrt wurden Menschen, die sich in Selbsthilfegruppen und anderen Unterstützungsangeboten auch mit dem Thema Depressionen auseinandersetzen und von Depression Betroffenen zur Seite stehen.

Der ehemalige Staatsministers und Publizist Michael Roth ging in seinem Vortrag "Funktionieren ist nicht genug! - Depressionen und die Auswirkungen für Betroffene auf den Lebensalltag.", auf sehr persönliche Ereignisse in seinem privaten und beruflichen Leben ein: Authentisch und bewegend.

In seinem Buch "Zonen der Angst - Über Leben und Leidenschaft in der Politik" schreibt er über eigene Erfahrungen und das "Nicht-mehr-funktionieren-können". Viele Gäste nutzen die Gelegenheit, Michael Roth und sein Buch bei der anschließenden Autogrammstunde kennenzulernen.

Mehrere hundert Menschen blieben bis in die späten Abendstunden beim geselligen Zusammensein rund um die Bückeburger Stadtkirche. Musikalisch begleitet wurde der Nachmittag von den ELIM Gospelsingers im Gottesdienst sowie im Verlauf des Abends von Ulrich Meyer und Dietmar Post. 

 

Interview

Im Vorfeld des Jahresempfangs führte der Evangelische Pressedienst (epd) ein Interview mit Michael Roth:

 

Michael Roth: Wie ein Zirkuspferd in der Manege
Der SPD-Politiker über seine Depressionen und die Härte der Politik

epd-Gespräch: Michael Grau

Der langjährige SPD-Außenpolitiker Michael Roth zieht nach 27 Jahren in der Bundespolitik und seinem Rückzug im vergangenen Jahr eine Bilanz. Nach seiner Depressionserkrankung fordert er mehr Menschlichkeit im Politikbetrieb.

Bückeburg, Bad Hersfeld (epd). Als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses stand Michael Roth in der ersten Reihe der deutschen Außenpolitik. Doch nur wenige wussten, dass der SPD-Politiker unter einer psychischen Erkrankung litt. Nach 27 Jahren im Bundestag, darunter acht Jahre als Staatsminister für Europa, zog sich Roth im vergangenen Jahr aus der Politik zurück. In seinem Buch „Zonen der Angst“ zieht er eine kritische Bilanz. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) blickte der Nordhesse auf die Unerbittlichkeit des Politikbetriebs und seinen Umgang mit der Krankheit. Roth äußerte sich vor dem Jahresempfang der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe am Donnerstag im niedersächsischen Bückeburg. Dort sollte der 56-Jährige am Abend sprechen.

epd: Herr Roth, wann haben Sie bemerkt, dass Sie an einer Depression erkrankt sein könnten?

Michael Roth: Wie bei vielen psychisch Erkrankten kam die Erkenntnis bei mir sehr spät. Man gesteht sich das nicht leicht ein und führt Überlastungen zunächst auf Stress zurück. Das ist der gefährliche Unterschied zu körperlichen Erkrankungen: Wenn Sie sich das Bein brechen, wissen Sie sofort, was zu tun ist. Bei einer psychischen Erkrankung ist das ganz anders.

Die Grenzen der Kraft überschritten

epd: Sie haben zuletzt den Auswärtigen Ausschuss des Bundestages geleitet. Wie haben Sie es trotz der Krankheit geschafft, im Amt zu funktionieren?

Roth: Ich war wie ein Zirkuspferd in der Manege: Wenn ich dort stand, habe ich performt. Dass ich die Grenzen meiner Kraft überschritten hatte, merkte vor allem mein privates Umfeld. Mein Mann und meine Mitarbeitenden spürten irgendwann, dass etwas nicht stimmt. Funktionieren ist eben nicht genug. Zu einem erfüllten Leben gehört mehr, als nur ein Programm abzuspulen. Ich möchte Betroffenen, die ein ähnliches Schicksal erleiden wie ich, Mut machen, dass ein besseres Leben möglich ist, wenn sie sich der Krankheit stellen.

epd: Welche Anzeichen der Erschöpfung zeigten sich in Ihrem Alltag?

Roth: Sobald ich die berufliche Bühne verlassen habe, ging kaum noch etwas. Mir fielen die einfachsten Dinge schwer - ob Kochen, Einkaufen oder Tischreservierungen. Und ich war auch ein hundsmiserabler Gesprächspartner. Ich habe mich zeitweise wie ein Zombie gefühlt: Ich habe zwar existiert, aber nicht mehr wirklich gelebt. Das war auch für mein Umfeld eine enorme Belastung.

Nicht mehr in jeden Boxring gestiegen

epd: Politik war ihr Leben. Wie schwer ist Ihnen der Ausstieg nach 27 Jahren gefallen?

Roth: Ich bin nicht allein wegen der Krankheit ausgestiegen. Als psychisch Erkrankter ist man ja weiterhin leistungsfähig, nur eben anders als früher. Irgendwann hatte ich gelernt, mit der Erkrankung umzugehen, und bin nicht mehr in jedem Boxring gestiegen, der irgendwo am Wegesrand stand. Aber nach 27 Jahren Berufspolitik war es an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Diese Entscheidung habe ich nie bereut.

epd: Warum haben Sie Ihre persönlichen Erfahrungen in einem Buch verarbeitet?

Roth: Ursprünglich wollte der Verlag ein Buch über außenpolitische Konflikte mit mir machen. Es sollte um den russischen Angriff auf die Ukraine gehen, um die dramatischen Veränderungen in der Weltpolitik und was sie für meine Partei und unsere Gesellschaft bedeuten. Beim Schreiben merkte ich aber, dass es unvollständig bleibt, wenn ich die persönliche Dimension ausspare. Das Buch sollte einen wahrhaftigen Blick auf die Politik und das Leben dahinter werfen.

Politik ist kein Zuckerschlecken

epd: Kevin Kühnert ist aus ähnlichen Gründen aus der Politik ausgestiegen. Macht Politik krank?

Roth: Politik an sich macht nicht krank, aber die Art, wie wir sie zurzeit betreiben. Natürlich braucht man im politischen Betrieb ein stabiles Nervenkostüm. Das ist kein Zuckerschlecken. Streit gehört dazu. Die Frage ist aber, wie man streitet. Wollen wir wirklich einen Politikbetrieb, in dem nur noch diejenigen überleben, die ein extrem dickes Fell haben? Hass, Wut und Aggressionen gehen zum Teil bis ins Private hinein. Jeder kleine Fehler wird sofort skandalisiert, es fehlt an Nachsicht und Gelassenheit. Wir müssen Räume für sensiblere Menschen öffnen und fragen, wie wir gesellschaftlich miteinander umgehen wollen.

epd: Was hat Ihnen Rückhalt gegeben?

Roth: Die Basis, diejenigen, die mich in den Bundestag gewählt haben. In den führenden Gremien der eigenen Partei dagegen habe ich am Ende wenig Rückhalt gespürt. Während des Konfliktes um die militärische Unterstützung der Ukraine fühlte sich der Gang in die Fraktion manchmal an, als würde man den Kühlschrank öffnen. Ich kam mir vor wie ein Außenseiter. Aber ich war mit mir selbst im Reinen.

epd: Aber die Unterstützung der Ukraine ist doch ein breiter Konsens?

Roth: Das war am Anfang nicht so, ganz im Gegenteil. Dass wir dem angegriffenen Land zur Hilfe eilen, war auch mit Tabubrüchen verbunden. Und viele in der SPD und der Bevölkerung haben sich gefragt: Muss das wirklich sein? Ich habe es dann als meine Aufgabe angesehen, Überzeugungsarbeit zu leisten: Wir können nicht einfach die Augen verschließen vor diesen furchtbaren Menschenrechtsverbrechen. Wir müssen den Imperialismus Russlands stoppen.

Nicht über Firlefanz streiten

epd: Befürchten Sie, dass sich das politische Klima weiter verschärft?

Roth: Ja, wenn wir den Ernst der Lage nicht erkennen. Es ist noch nicht ausgemacht, ob am Ende die liberale Demokratie und die offene Gesellschaft überleben werden. Ich halte das für möglich, aber es ist nicht in Stein gemeißelt. Das liegt nicht nur an den Extremisten, sondern auch daran, dass etablierte Parteien oft wie vor Jahrzehnten agieren und Nebenschauplätze skandalisieren. Wir sollten nicht über so viel Firlefanz streiten. Wir brauchen Bürgerinnen und Bürger, die sich beteiligen, statt sich nur noch als frustrierte Zuschauer zurückzuziehen.

epd: Sie stehen der evangelischen Kirche nahe. Hat Ihnen der christliche Glaube in dieser schwierigen Phase geholfen?

Roth: Mein zweifelnder Glaube hat mir geholfen, gelassener zu werden. Wer für Waffenlieferungen eintritt, weiß, dass damit Menschen getötet werden, macht sich aber auch schuldig, wenn er keine Hilfe leistet. Der christliche Glaube fordert keine Perfektion - das macht ihn menschlich.

epd: Könnten Sie sich irgendwann eine Rückkehr in die Politik vorstellen?

Roth: Derzeit nicht. Wir sollten Politik aber ohnehin flexibler betrachten - wie Busfahren, wo man einsteigen, wieder aussteigen und vielleicht auch mal wieder einsteigen kann. Ich habe meinen Frieden geschlossen.

 

Buchhinweis: Michael Roth: Zonen der Angst, Verlag C.H. Beck, München 2025, 302 Seiten, gebunden, 26 EUR, ISBN 978-3-406-83781-4

Michael Grau (Autor): 0511/1241-703, niedersachsen-bremen(a)epd.de

Foto: Roger Grabowski