Vortrag: Exnovation mit Dr. Sandra Bils
27. Februar 2027 | 18:30 Uhr in Sachsenhagen
Am 27. Februar stellt Dr. Sandra Bils das Konzept der Exnovation vor. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie es gelingen kann, bewusst Dinge zu beenden, weniger zu tun und so Energie und Freiraum für Neues zu gewinnen.
Dr. Bils zeigt auf, warum Exnovation sinnvoll ist und wie sie Veränderungsprozesse, wie unseren Kirchenentwicklungsprozess LKSL2031, wirksam unterstützen kann. Um das Gehörte in den eigenen Gremien, Projekten und Kreis anzuwenden, hat die Evangelische Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (kurz: midi) Handwerkszeug entwickelt: exmove – midi Exnovations-Tools. Das dazugehörige Buch ist übersichtlich gestaltet und randvoll mit praxiserprobten Methoden. Es bietet:
- eine verständliche Einführung, die den Einstieg für alle erleichtert,
- komplett ausgearbeitete Workshops in unterschiedlichen Formaten – von drei Stunden bis zu drei Tagen,
- kurze Einheiten von ein bis zwei Stunden für den Einsatz im Alltag,
- klar strukturierte Methodenbeschreibungen mit Entscheidungshilfen und präzisen Anleitungen zur Durchführung.
Es gibt Methoden zu folgenden Themen:
- Erste Schritte: Warum Exnovation wichtig ist und Mut zum Beenden
- Pläne schmieden: Von der Idee zur Entscheidung
- Abschied aktiv gestalten: Loslassen lernen und umsetzen
- Theologische Perspektiven: Geistliches Nachdenken und liturgische Gestaltung des Loslassens
- Exnovation in der Kommunikation
- Kreative Ressourcen & Extras
Am 27. Februar besteht zudem die Möglichkeit, selbst im Buch zu blättern. Bei Interesse bieten wir einen Probier-Workshop an, um die Tools kennenzulernen und sie eigenständig anwenden zu können.
Workshop: Gemeindefusion aus Stadt und Land
24. Januar 2026 in Stadthagen
Referentinnen: Pastorin Dr. Jutta Tloka & KV Marilena Bekierz (Nordwestgemeinde Osnabrück)
I. Ausgangslage und strukturelle Weichenstellungen
Die Nordwestgemeinde Osnabrück entstand aus der Fusion der urbanen Markusgemeinde und der dörflich geprägten Stephanusgemeinde in Atter. Da „Stadt und Land unterschiedlich ticken“, war die größte Herausforderung die Überwindung von Dominanzängsten. Um zu verhindern, dass der ländliche Teil sich „geschluckt“ fühlt, wurde eine strikte strukturelle Neutralität eingeführt: Es gibt keinen privilegierten Hauptstandort; die Gremiensitzungen rotieren konsequent zwischen den Standorten. Die Fusion selbst war eine Vernunftentscheidung, die initial durch den Kirchenkreis angestoßen wurde, aber erst durch die Akzeptanz der unterschiedlichen Identitäten (Mobilität, Traditionen) lebendig wurde.
II. Krisenbewältigung und die Kraft des Ehrenamts
Ein entscheidender Moment in der Genese der Gemeinde war das Jahr 2015. Unmittelbar nach dem großen Fusionsfest verließ das Pastorenpaar die Gemeinde. Diese achtmonatige Vakanz wurde zum unfreiwilligen Stresstest. Dass die Fusion hielt, lag an der hohen Eigenverantwortung der Ehrenamtlichen, die in dieser Phase das Gemeindeleben selbst steuerten. Diese Erfahrung schweißte die Gruppen zusammen und legte den Grundstein für eine Kultur des „Machen Lassens“, in der Eigeninitiative vor zentraler Steuerung steht.
III. Architektur als Botschaft: Transparenz und Sichtbarkeit
Ein zentraler Baustein für das Vertrauen in die neue Struktur ist das Raumkonzept der Markuskirche. Entgegen weitläufiger Annahmen wurde das Gebäude für die Fusion nicht umgebaut, sondern es war von vornherein als integriertes Zentrum geplant. Es gibt kein separates Gemeindehaus; das Gemeindebüro ist direkt in den Kirchenbau einbezogen. Die architektonische Besonderheit liegt in der bewussten Sichtachse durch Glaselemente: Vom Kirchraum blickt man direkt ins Büro und umgekehrt. Diese bauliche Transparenz signalisiert eine „Kirche auf Augenhöhe“ ohne abschottende Vorzimmer. Die Verwaltung wird so als integraler Teil des geistlichen Lebens wahrgenommen.
IV. Identität durch Profilierung: Die vier zentralen Orte
Anstatt eine Einheitsidentität zu erzwingen, profilierte die Gemeinde vier spezifische Orte, die unterschiedliche Bedürfnisse abdecken und das Zusammenwachsen fördern:
- Die Markuskirche: Sie dient als urbaner Ankerpunkt für Gottesdienste, die zentrale Verwaltung und als profilierter Standort für Konzerte und Musicals.
- Der Attersee: Er ist der Ort für Natur-Erlebnisse und Großereignisse wie das Tauffest (z. B. 2024 mit 38 Taufen im Wasser). Solche Events helfen, die „mentale Distanz“ zu überwinden, da Städter für ein positives Erlebnis gerne den Weg aufs Land antreten.
- Die Scheune: Hier wird Erntedank gefeiert. In diesem Rahmen übernimmt der dörfliche Teil die Gastgeberrolle für die gesamte Gemeinde, was die Wertschätzung für die ländliche Tradition stärkt.
- Das mobile Tiny House (auf Anhänger): Als „Kirche auf Rädern“ ist es das Symbol für Flexibilität. Es ermöglicht Präsenz an Orten ohne kirchliche Gebäude und ist die strategische Antwort auf künftige Gebäudereduzierungen.
V. Strategische Lösungen für Konfliktfelder
In der Diskussion mit dem Plenum wurden zentrale Lösungsansätze für typische Fusionsprobleme deutlich:
- Finanzen: Neid-Debatten wird durch absolute Transparenz begegnet. Alle Budgets sind für alle KV-Mitglieder einsehbar; Investitionen werden rein sachlich (z. B. Brandschutz) begründet.
- Gottesdienstzeiten: Man löste sich von der starren Parallelität. Stattdessen gibt es eine inhaltliche Spezialisierung (z. B. musikalischer Fokus an einem Ort), die die Gemeindeglieder motiviert, den Standort je nach Interesse zu wechseln.
- Gruppen-Struktur: Es gab keinen Fusionszwang für bestehende Kreise wie die Frauenhilfe. Man ließ alte Gruppen bestehen und schuf gleichzeitig „neutrale“ neue Projekte wie den Popchor ChoirFire oder den Frühstückstreff, die keine alte Lagerhistorie haben und so von Beginn an gemischt besetzt waren.
VI. Zukunftskonzepte und Fazit
Ein zukunftsweisendes Modell ist die Arbeit im neuen Landwehrviertel seit 2023. Hier arbeitet Pastor Matthias Groeneveld als Netzwerker ohne eigenes Gebäude. Die Fusion schuf die personellen Freiräume, um solche innovativen Wege der Gemeinschaftsbildung zu gehen, statt Ressourcen ausschließlich in Immobilien zu binden.
Fazit: Die Nordwestgemeinde versteht sich nach zehn Jahren als „eine Gemeinde an vielen Orten“. Der Erfolg basiert auf dem Mut zur Lücke, baulicher Offenheit und der Fähigkeit, die Standorte nicht als Konkurrenten, sondern als sich ergänzende Profil-Orte (Kultur, Natur, Tradition, Mobilität) zu begreifen.