Kirchenentwicklungsprozess – LKSL

Kirche gestalten – zukunftsfähig und theologisch reflektiert

Frühjahrstagung der XXI. Landessynode · 17. April 2026 · Heuerßen

Wie kann Kirche in Schaumburg-Lippe heute und morgen so gestaltet werden, dass möglichst viele Menschen Zugang zur Botschaft des Evangeliums finden? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Tagesordnungspunktes auf der Frühjahrstagung der XXI. Landessynode am 17. April 2026 in Heuerßen.

Den Ausgangspunkt bildete ein Vortrag von Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong (Universität Kiel), die die historischen Wurzeln der heutigen Gemeindeform beleuchtete, eine theologische Grundlage für Kirchenreform entfaltete und vier konkrete Impulse für die Gestaltung der künftigen Kooperationsräume vorstellte. Im Anschluss diskutierte das Plenum mit der Referentin. Abschließend erarbeiteten die Synodalen in Kleingruppen erste Perspektiven zu den Themenbereichen Kernaufgaben, Ehrenamt, Verwaltung und Leitung sowie Angebotsvielfalt.

Die vollständige Dokumentation – Zusammenfassung des Vortrags, Plenumsdiskussion und Ergebnisse der Gruppenarbeit – steht hier zum Download bereit.

Dokumentation herunterladen (PDF)

Die vier Impulse von Prof. Dr. Pohl-Patalong

Wie kann Kirche so gestaltet werden, dass möglichst viele Menschen dem Evangelium begegnen?

Impuls 1

Kontaktflächen vielfältig gestalten

Keine Gruppe darf strukturell ausgeschlossen werden. Gottesdienst, Seelsorge, Diakonie, digitale Formate – alle Wege zur Begegnung mit der Liebe Gottes zählen gleichermaßen.

Impuls 2

Arbeitsteilig als Kirche Jesu Christi denken

Nicht jede Gemeinde muss alles anbieten. Profile stärken, Kooperationsräume koordinieren das Gesamtbild – und bleiben so für unterschiedliche Menschen erreichbar.

Impuls 3

Attraktive Strukturen für das neue Ehrenamt schaffen

Menschen engagieren sich für Sinn, nicht aus Pflicht. Hauptamtliche begleiten und befähigen statt selbst durchführen – das Priestertum aller Gläubigen als Leitbild.

Impuls 4

Leitungskultur gemeinsam gestalten

Multiprofessionelle Teams statt Einzelkämpfertum. Klare Rollen, geteilte Verantwortung – die Haltung der Beteiligten entscheidet mehr als die Rechtsform.

Theologischer Maßstab Wie wahrscheinlich ist es, dass verschiedene Menschen mit der Liebe Gottes in Kontakt kommen? Kirche ist immer menschliches Werk – und deshalb immer reformbedürftig. Ecclesia semper reformanda.

Vortrag: Exnovation mit Dr. Sandra Bils

27. Februar 2027 | 18:30 Uhr in Sachsenhagen

Am 27. Februar 2026 war Prof. Dr. Sandra Bils zu Gast in Sachsenhagen. Sie referierte als Referentin für strategisch-innovative Transformationsprozesse der midi – Evangelische Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung über das Thema Exnovation. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Begleitprogramms des Kirchenentwicklungsprozesses der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe statt.

Menschliches Verhalten: Addition statt Subtraktion

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage, wo wir in unserer Kirche immer wieder „einen Stein drauflegen“. Also Strukturen, Angebote und Gewohnheiten fortschreiben, ohne zugleich an anderer Stelle zu reduzieren. Eine Beobachtung aus der Verhaltensforschung unterstreicht diese Dynamik: Menschen neigen dazu, eher etwas zusätzlich einzubauen, statt Bestehendes zu hinterfragen oder zu beenden.

Im Austausch wurde deutlich, dass sich diese Tendenz auch in kirchlichen Strukturen zeigt. So entstehen beispielsweise Doppelstrukturen in Gemeinden, etwa durch unterschiedliche Gottesdienstformen zu verschiedenen Zeiten, um verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Gleichzeitig führt dies zu einem hohen Verwaltungsaufwand, der durch Zentralisierung und Digitalisierung möglicherweise reduziert werden könnte. Auch der Generationenwechsel wurde thematisiert – verbunden mit der Frage, wie es gelingen kann, Dinge in Dankbarkeit zu beenden.

Psychologie: Loslassen fällt schwer

Besonders herausfordernd ist dabei die emotionale Dimension: Das Auflösen von Gruppen oder Angeboten wird häufig als Niederlage empfunden. Hinzu kommt, dass bestehende Angebote oft weiterlaufen, obwohl sich die Zielgruppen längst verändert haben. Eine Kultur, aus Fehlern zu lernen, ist dabei nicht selbstverständlich, kann aber eingeübt werden.

Gesellschaft im Modus der Steigerung

Ein Exkurs nahm die gesellschaftliche Perspektive in den Blick. Im Modus ständiger Steigerung, wie ihn Hartmut Rosa beschreibt, erleben viele Haupt- und Ehrenamtliche eine zunehmende Überforderung. Gleichzeitig zeigt sich eine Neigung, an Dingen festzuhalten, die nicht mehr benötigt werden – auch weil Abschiednehmen schwerfällt.

Vor diesem Hintergrund wurde Exnovation als hilfreicher Ansatz beschrieben: Sie kann dazu beitragen, das Wesentliche zu bewahren und zugleich Raum für Neues zu schaffen.
Beispiele aus dem Bereich der Nachhaltigkeit verdeutlichen dieses Prinzip:

  • die Abschaffung von Glühbirnen zugunsten von LEDs
  • der Verzicht auf Asbest
  • das Verbot von FCKW aufgrund ihrer Klimaschädlichkeit
  • die Reduktion von Verbrennermotoren bei PKW.

Ressourcenverteilung zur Erneuerung

In einer Frage an das Plenum wurde die eigene Praxis reflektiert: Wie viel Zeit wird in der Kirche für das Fortsetzen, das Anfangen sowie für das Beenden und Verlernen aufgewendet? In den Rückmeldungen zeigte sich, dass sich diese Bereiche oft schwer voneinander trennen lassen, da die Übergänge fließend sind.

Ein zentrales Thema war die Frage, warum uns das Loslassen so schwerfällt. Wandel kostet Zeit und ist mit zusätzlicher Arbeit verbunden. Gerade Ehrenamtliche, die diesen Wandel mitgestalten sollen, sind häufig bereits stark engagiert und verfügen über begrenzte Ressourcen. Auch individualpsychologisch zeigt sich eine Tendenz, bestehende Systeme zu verteidigen, was sich auf Organisationen insgesamt auswirkt. In diesem Zusammenhang wurde auf Niklas Luhmann verwiesen, der beschreibt, dass Organisationen dazu neigen, sich selbst zu erhalten und bestehende Strukturen zu stabilisieren.

Theologische Aspekte

Die Auseinandersetzung wurde auch theologisch gerahmt. Als inspirierende Bezugspunkte wurden benannt: Jeremia 6,16 für die Tradition, Jesaja 43,19 für die Innovation und Lukas 5,37–38 für die Exnovation.

In der Praxis: exmove Exnovationstools

Für die praktische Umsetzung wurden verschiedene Schritte skizziert. Ausgangspunkt ist die bewusste Streichung von Angeboten, um Synergien zu schaffen und Entlastung zu ermöglichen. Daraus kann eine stärkere Modularisierung entstehen. Ergänzend wurde die regelmäßige Überprüfung bestehender Angebote als wichtig benannt.

Mit dem Blick auf die eigens von midi entwickelten Methoden „Exmove“ wurden drei Schritte hervorgehoben: zunächst Problembewusstsein zu schaffen, darauf aufbauend Entscheidungen vorzubereiten und schließlich die Umsetzung zu gestalten.

In den Rückmeldungen aus dem Plenum wurde insbesondere die Frage der Kommunikation diskutiert: Wie kann vermittelt werden, dass ein Angebot eingestellt wird? Eine Antwort lautete, dies nicht primär über Begründungen zu tun, sondern stattdessen neue Angebote für die entsprechenden Gruppen zu entwickeln. Zugleich wurde kritisch angemerkt, dass mitunter zu viel Energie in kleinere „Randgruppen“ fließt, während größere Gruppen unerreicht bleiben.

Abschließend wurde der Blick auf den Zeitfaktor gerichtet: Kulturwandel braucht Geduld und ein behutsames Vorgehen.

Sie können sich hier den Bericht inklusive einiger Vortragsfolien herunterladen.

Workshop: Gemeindefusion aus Stadt und Land

24. Januar 2026 in Stadthagen

Referentinnen: Pastorin Dr. Jutta Tloka & KV Marilena Bekierz (Nordwestgemeinde Osnabrück)

I. Ausgangslage und strukturelle Weichenstellungen

Die Nordwestgemeinde Osnabrück entstand aus der Fusion der urbanen Markusgemeinde und der dörflich geprägten Stephanusgemeinde in Atter. Da „Stadt und Land unterschiedlich ticken“, war die größte Herausforderung die Überwindung von Dominanzängsten. Um zu verhindern, dass der ländliche Teil sich „geschluckt“ fühlt, wurde eine strikte strukturelle Neutralität eingeführt: Es gibt keinen privilegierten Hauptstandort; die Gremiensitzungen rotieren konsequent zwischen den Standorten. Die Fusion selbst war eine Vernunftentscheidung, die initial durch den Kirchenkreis angestoßen wurde, aber erst durch die Akzeptanz der unterschiedlichen Identitäten (Mobilität, Traditionen) lebendig wurde.

II. Krisenbewältigung und die Kraft des Ehrenamts

Ein entscheidender Moment in der Genese der Gemeinde war das Jahr 2015. Unmittelbar nach dem großen Fusionsfest verließ das Pastorenpaar die Gemeinde. Diese achtmonatige Vakanz wurde zum unfreiwilligen Stresstest. Dass die Fusion hielt, lag an der hohen Eigenverantwortung der Ehrenamtlichen, die in dieser Phase das Gemeindeleben selbst steuerten. Diese Erfahrung schweißte die Gruppen zusammen und legte den Grundstein für eine Kultur des „Machen Lassens“, in der Eigeninitiative vor zentraler Steuerung steht.

III. Architektur als Botschaft: Transparenz und Sichtbarkeit

Ein zentraler Baustein für das Vertrauen in die neue Struktur ist das Raumkonzept der Markuskirche. Entgegen weitläufiger Annahmen wurde das Gebäude für die Fusion nicht umgebaut, sondern es war von vornherein als integriertes Zentrum geplant. Es gibt kein separates Gemeindehaus; das Gemeindebüro ist direkt in den Kirchenbau einbezogen. Die architektonische Besonderheit liegt in der bewussten Sichtachse durch Glaselemente: Vom Kirchraum blickt man direkt ins Büro und umgekehrt. Diese bauliche Transparenz signalisiert eine „Kirche auf Augenhöhe“ ohne abschottende Vorzimmer. Die Verwaltung wird so als integraler Teil des geistlichen Lebens wahrgenommen.

Bilder aus Osnabrück

IV. Identität durch Profilierung: Die vier zentralen Orte

Anstatt eine Einheitsidentität zu erzwingen, profilierte die Gemeinde vier spezifische Orte, die unterschiedliche Bedürfnisse abdecken und das Zusammenwachsen fördern:

  1. Die Markuskirche: Sie dient als urbaner Ankerpunkt für Gottesdienste, die zentrale Verwaltung und als profilierter Standort für Konzerte und Musicals.
  2. Der Attersee: Er ist der Ort für Natur-Erlebnisse und Großereignisse wie das Tauffest (z. B. 2024 mit 38 Taufen im Wasser). Solche Events helfen, die „mentale Distanz“ zu überwinden, da Städter für ein positives Erlebnis gerne den Weg aufs Land antreten.
  3. Die Scheune: Hier wird Erntedank gefeiert. In diesem Rahmen übernimmt der dörfliche Teil die Gastgeberrolle für die gesamte Gemeinde, was die Wertschätzung für die ländliche Tradition stärkt.
  4. Das mobile Tiny House (auf Anhänger): Als „Kirche auf Rädern“ ist es das Symbol für Flexibilität. Es ermöglicht Präsenz an Orten ohne kirchliche Gebäude und ist die strategische Antwort auf künftige Gebäudereduzierungen.

V. Strategische Lösungen für Konfliktfelder

In der Diskussion mit dem Plenum wurden zentrale Lösungsansätze für typische Fusionsprobleme deutlich:

  • Finanzen: Neid-Debatten wird durch absolute Transparenz begegnet. Alle Budgets sind für alle KV-Mitglieder einsehbar; Investitionen werden rein sachlich (z. B. Brandschutz) begründet.
  • Gottesdienstzeiten: Man löste sich von der starren Parallelität. Stattdessen gibt es eine inhaltliche Spezialisierung (z. B. musikalischer Fokus an einem Ort), die die Gemeindeglieder motiviert, den Standort je nach Interesse zu wechseln.
  • Gruppen-Struktur: Es gab keinen Fusionszwang für bestehende Kreise wie die Frauenhilfe. Man ließ alte Gruppen bestehen und schuf gleichzeitig „neutrale“ neue Projekte wie den Popchor ChoirFire oder den Frühstückstreff, die keine alte Lagerhistorie haben und so von Beginn an gemischt besetzt waren.

VI. Zukunftskonzepte und Fazit

Ein zukunftsweisendes Modell ist die Arbeit im neuen Landwehrviertel seit 2023. Hier arbeitet Pastor Matthias Groeneveld als Netzwerker ohne eigenes Gebäude. Die Fusion schuf die personellen Freiräume, um solche innovativen Wege der Gemeinschaftsbildung zu gehen, statt Ressourcen ausschließlich in Immobilien zu binden.

Fazit: Die Nordwestgemeinde versteht sich nach zehn Jahren als „eine Gemeinde an vielen Orten“. Der Erfolg basiert auf dem Mut zur Lücke, baulicher Offenheit und der Fähigkeit, die Standorte nicht als Konkurrenten, sondern als sich ergänzende Profil-Orte (Kultur, Natur, Tradition, Mobilität) zu begreifen.

 

Präsentation zum Download

Hier können Sie die Präsenationsfolien und die Ergebnisse des Workshops als PDF-Dateien herunterladen.